Eine Perle sehnt sich nach Glanz

 Ins Odessa von gestern mischt
sich nur allmählich Neues

 
Gern versteht sich die Stadt als die 
„Perle des Schwarzen Meeres”. Im letzten 

Jahrzehnt geriet das von Katharina der 

Großen gegründete Odessa jedoch 

fast vollständig aus dem 

Visier des internationalen Tourismus.
 
 
Von ACHIM TREDER
 
Es bedarf schon einer gesunden Portion Fantasie, will man das überschwängliche Schwärmen der ukrainischen Reiseführerin Nadya für ihre Stadt teilen. „Odessa gehört zu den zehn schönsten Städten der Welt”, begrüßt sie selbstbewusst ihre Gäste. Der von Linden und Kastanien gesäumte Primorski-Boulevard, so erzählt sie, werde von Fachleuten und Weltgereisten gleichermaßen als eine der schönsten Promenaden gepriesen. Nicht zu vergessen das prachtvolle Opernhaus – eines der schönsten seiner Art – auch das Museum der schönen 
Künste . . . Und die 192 Stufen der Potemkin-Treppe hinunter zum Meer hätten es schon lange verdient, in die Reihe der sieben Weltwunder gestellt zu werden.

Für viele Odessaer gibt die Potemkin-Treppe aber zuallererst den Blick frei in eine Welt, von der sie noch nicht wissen, ob sie sich nach ihr sehnen sollten oder lieber nicht. An ihrem Fuße der Passagierhafen, für dessen Ausbau die Odessaer sogar einige Treppenstufen opfern mussten. Breite Straßen führen hinauf auf die künstliche Halbinsel, die vom neuen Hotel „Odessa” dominiert wird. Am Kai die „Astoria”, das frühere DDR-Kreuzfahrtschiff „Arkona”, das später als Traumschiff von sich reden machte. 500 meist deutsche Passagiere haben sich so eben zum Landgang aufgemacht. Für viele Bewohner der Millionenstadt nähren sie die Hoffnung auf glücklichere Zeiten. 

Halbwüchsige haben von hier oben, wo die Treppe auf den Primorski-Boulevard trifft, beobachtet, wie das Schiff und damit ein Stück Hoffnung festmachte. Sie drängen sich zum Empfang der Touristen. Einer hat ein Dutzend vergilbter Ansichtskarten im Angebot, ein anderer einige Prospekte, ein Dritter versucht es mit einigen Packungen Tempotaschentüchern. Eine alte Frau hält den Deutschen handbemalte Eier zur Auswahl. Immer wieder die vermeintliche Zauberformel: „Ein Ewro bitte.”

Zum Beginn des Promenaden-Spazierganges grenzt Nadya noch einmal ab: „Ich führe Sie durch mein Odessa. Durch das Odessa, das seine Einwohner so sehr lieben.” Und sie deutet auf das neue Hotel im Hafen: „Das da – das gehört nicht zu meinem Odessa. Es ist ein Kempinski-Hotel. Kaum ein Einwohner der Stadt wird es sich je leisten können, in diesem Hotel einmal zu schlafen ...” 

Ablehnung gehört offenbar zum Stadtklima. Vor dem Rathaus demonstrieren mehrere Dutzend Einwohner gegen eine Großbaumaßnahme, die einige ihrer Spazierwege berühren soll. „Wir wollen, dass die Einwohner von Odessa ihre Stadt selbst erneuern”, zeigt Nadya für die Forderungen Verständnis. Woher die Mittel hierfür kommen sollen, vermag sie nicht zu sagen. „Die Regierung hat sehr lange nichts getan. Jetzt gibt es neue Gesetze. Vielleicht der Durchbruch.”

Ein anderes Hotel hat es in der Gunst der Touristenführerin etwas leichter. Das „Londonskaja” gleicht einem Museum; gehört zu Odessa, so lange sich Nadya zurückerinnern kann. Staatsmänner, Primaballerinen und Primadonnen haben hier residiert. Eine Traditionsecke im Flur der ersten Etage präsentiert mit alten Fotos, Autogrammen und Programmankündigungen die Beweise. Wer im Londonskaja nächtigt, bekommt ein wenig davon vermittelt, was die Zaren-Gefolgschaft empfand, wenn sie hier Ferien machte. Doch auch das Londonskaja sah bessere Zeiten. Von den Täfelungen blättert die Farbe, und Schäden im Parkett sind notdürftig mit Betonestrich verfüllt. „Wir sind gut ausgelastet”, beteuert die Chefin der Rezeption, die den Touristen bereitwillig Einblick in jedes gewünschte Zimmer gewährt. Eine Mitarbeiterin nennt allerdings eine Zahl: „20 Prozent”, erklärt sie und macht deutlich, dass ein Doppelzimmer ab 215 Dollar für eine Nacht ebenfalls nicht für den durchschnittlichen Inlandsferiengast taugt.

Von Tourismus ist in der Stadt nur wenig zu spüren. An diesem Tage sind es vor allem die deutschen Kreuzfahrtpassagiere, die in Gruppen durch die City schlendern. Sie beobachten die jungen Gymnasiasten, die in Matrosenuniform militärisch exakt zur Wachablösung am „Denkmal des unbekannten Seemanns” aufmarschieren. Und sie beleben den ansonsten eher spärlich besuchten Künstlermarkt im Stadtpark, wo zwischen Kitsch und Kunst Tier- und Landschaftsmotive aller nur denkbaren Techniken und Handschriften zu haben sind. Die 35 Kilometer Badestrand der Stadt werden vornehmlich von Einheimischen bevölkert. 

Die Verkäufer auf dem Künstlermarkt bewegen Nadya, die Situation, in der sich die Odessaer befinden, zu erläutern: „Weil sich die meisten nicht mit der hohen Arbeitslosigkeit abfinden wollen, greifen sie nach jedem Strohhalm.” Sie bieten sich an riesigen Pinnwänden für jeden Job an. „Es reicht meist nur für den Tag.” Tausende Familien leben noch in den städtischen Nachkriegs-Wohneinheiten. Vier Zimmer, jedes für eine Familie. Eine Gemeinschaftsküche, ein Gemeinschaftsbad für alle. „Uns wurde versprochen, dass sich das nun ändern soll.”

Welch' Kontrast dazu die gewaltige Himmelfahrtskathedrale der Orthodoxen, deren Glanz und Prunk gleichermaßen beeindrucken wie blenden. Unzählige freiwillige Helfer putzen, wienern und polieren für die nächste Andacht.

Eine Vorstellung im Opernhaus ist im Programm für einen Tages-Landgang in Odessa nur schwer unterzubringen. Die Alternative heißt: Stippvisite im „Amsterdam”. Das Show-Theater im Labyrinth der „Odessapassage” verkörpert den Ausblick auf ein neuzeitliches Odessa. Privatinvestitionen in Millionenhöhe haben hinter alten Fassaden einer unscheinbaren Straße eine eigene Welt geschaffen, in der westliches Bummeln vorbei an kleinen Shops und Handwerksläden möglich ist, Varietè-Programme für Zerstreuung sorgen und Erlebnisgastronomie Alternativen zu den ärmlichen Stadtkneipen bietet. 

„Bei uns gibt es quasi keinen Mittelstand”, erklärt Nadya. „Einige wenige haben es verstanden, und richtig gute Sachen geschaffen.” Wie, das bleibt für die Fremdenverkehrsfachfrau ein Geheimnis. Eine ihrer privaten Erklärungen: „Bei uns gab es nach der Wende keine staatliche Behörde, die die Staatsbetriebe in Privateigentum überführt hat. Wie bei Ihnen die Treuhand. Privateigentum entstand aber dennoch.” Es habe Fälle gegeben, in denen die Direktoren den Staatsbetrieb kurzerhand zu Privateigentum erklärt hätten. „Und sich selbst zum Eigentümer.”

Zu den neuzeitlichen Fixpunkten in Odessa zählt auch die Gaststätte „Chutorok”. Hier haben zwei Italiener aus einer alten Festung einen modernen Fremdenverkehrskomplex geschaffen, eine Mischung aus altem Gemäuer, moderner Dienstleistung und viel Liebe zum Detail. Betrieben wird das Chutorok von Odessaern. Und auch hier ist wieder das Misstrauen gegenüber Fremden allgegenwärtig: „Fotografieren streng verboten!” Den Grund nennt die Verwaltungs-Chefin: „Wollen Sie unserer Konkurrenz etwa zeigen, wie es bei uns aussieht?”

Odessa heute, das ist viel Odessa von gestern – und nur ein ganz klein wenig Odessa von morgen. Eine Stadt, die ahnen lässt, wie Zaren Ferien genossen. Eine Stadt auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Eine Stadt voller Gastlichkeit, die sich nach Gästen sehnt. Die gerade begonnen hat, zaghaft einen Umbruch einzuleiten.

Vielleicht hilft die Geduld, die die Halbwüchsigen von der Potemkin-Treppe aufbrachten, der Gesellschaft am Ende tatsächlich weiter. Touristen, die in der Stadt vergebens nach Ansichtskarten Ausschau gehalten hatten, griffen am Ende ihres Landganges gern zu. Und selbst Nadya zeigte nach einem Tag voller Schwärmerei und Superlativen Sinn für Realität. „Ich fahre oft nach Deutschland. Mein Mann kommt aus der früheren DDR. Wenn ich zurückkomme und durch unsere Dörfer fahre – glauben Sie mir. Ich könnte jedes Mal heulen.”

In Odessa war der Besuch der „Astoria” noch lange ein großes Thema. In der Juli-Ausgabe der ukrainischen Zeitschrift „Passage” schreibt Irina Tschitschikowa: „Die Deutschen haben die Seele Odessas kennengelernt. Es bleibt zu hoffen, dass sie mit guten Eindrücken nach Hause fahren. Vielleicht wird das dazu führen, dass wir in Zukunft oft ausländische Gäste bei uns begrüßen dürfen.”

Mai 2002

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